Alltag ist…aus dem Fenster schauen

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Wir alle kennen das Bild. Ein alter Mensch am Fenster eines Gemeindebaus. Er schaut. Mehr nicht. Es ist seine Freizeitbeschäftigung, seine Unterhaltung, kurz: vielleicht sogar sein Leben. Aber was sehen die Menschen da eigentlich wenn sie stundenlang hinausschauen? Ich wollte genau das herausfinden und nun stehe ich da, am Fenster eines Gemeindebaus. Da schaue ich hinaus. Und was sehe ich da jetzt?
Ich sehe einen Innenhof, er hat schon bessere Tage gesehen, aber es ist viel Grünes da und das ist ja schon mal gut. Ich meine, gut, die Hälfte des Grünen sind PET-Flaschen aber immerhin: die andere Hälfte sind Bäume und Gras. In jeglicher Form. Wiesengras und Rauchbares, hinten im Gebüsch verstecken sich einige Pflanzen des Nachbarn. Für den Eigengebrauch selbstverständlich. Am Rand des Hofes, direkt unter meinem Aussichtsplatz sitzt eine Frau auf der Bank. Sie hat lange geflochtene Haare, Fair-Trade Gewand aus recyceltem Hanf und Stoffhandschuhe auf dessen Fingerhülsen die Buchstaben: V E G A N stehen. Und, sie weint. Es nähert sich ein Mann, mittleren Alters, kräftige Statur, ärmelloses Leiberl, eher Unterleiberl als T-Shirt, tätowiert bis auf den Hals hinauf, metallene Ketten an Händen und um den Hals. Ringe zieren seine dicken Finger. Sie halten eine schwere Kette an der ein Hund trabt. Er ist nur halb so groß wie sein Herrl, aber genau so breit. Er hat eine schwarze Hundelederjacke an auf der groß und mit geschwungenen Buchstaben: „FLEISCHFRESSER“ steht. Der Mann bemerkt die Frau und ein Anschein von Verachtung ziert seine ohnehin schon düsteren Gesichtszüge. „Na, waren die Flüchtlinge nicht nett zu dir?“ murrt er im Vorbeigehen. Er will schon weiter gehen, als er bemerkt, dass die Frau nicht reagiert, sondern nur leise in ihren Mantel schluchzt. Er hatte eigentlich gehofft, dass sie aufspringt und ihm eine Moralpredigt hält, woraufhin er ihr mit seinem Hund gedroht hätte, und sie gesagt hätte: „Menschen wie Sie sind der Grund für den furchtbaren Zustand unseres Landes“, worauf er gesagt hätte: „Unser Land?“ …aber nichts davon geschah. Stattdessen passiert etwas Unerwartetes. Trotz aller ideologischer Differenzen, die die beiden augenscheinlich voneinander trennen, und üblicherweise auch voneinander distanzieren, tut die junge Frau dem wilden Kerl plötzlich leid. Er setzt sich neben Sie und deutet auch seinem treuen Gefährten Platz zu nehmen. „Na, was is denn passiert?“ fragt er fast schon sanft, so sanft, wie es einem Mann wie ihm halt möglich ist. Die junge Frau sieht gar nicht auf und sagt nur: „Ach, ich habe mich von meinem Freund getrennt, er hatte eine andere…“ „Männer sind Schweine“ erwidert der Mann, „deswegen essen wir sie auch so gerne, hahaha…“ Die Frau lächelt. Sie weiß, dass sie mit diesem Menschen unter normalen Umständen absolut nichts zu tun haben wollte, doch irgendwie spürt sie, dass es gerade jetzt schön ist, dass überhaupt jemand da ist. Jemand, der ihr zuhört. Mein Blick schweift an dieser Stelle etwas ab und ich beobachte die Kinder, die weiter hinten bei der Schaukel spielen. Nur am Rande höre ich von den beiden unter mir Wortfetzen wie: „meine Oide“ und „er ist ein Arschloch“. Die beiden scheinen sich in diesen Augenblicken wirklich gut zu verstehen, selbst der sonst so wilde Hund hatte glasige Augen und lauscht dem traurigen Liebesschicksal der alternativen Baubewohnerin. Nach einer Weile steht der Mann auf und meint, er müsse jetzt gehen, da er noch auf eine Demo ginge. Gegen Flüchtlinge. Etwas stammelnd fügt er hinzu: „Gehen Sie auch?“ „Natürlich“ sagt die Frau etwas entrüstet. „aber auf der anderen Seite!“ „Das hab ich mir bereits gedacht“ sagt der Mann und der Hund bellt zu seiner Unterstützung. „Dann bis später“ sagt er, dreht sich um und verschwindet hinter den Hecken des nächsten Gartens. Die Frau sieht ihm nach und schüttelt den Kopf. Aber nicht wie sonst nach Begegnungen mit ihren politischen Gegnern. Sie lächelt. (rosa)

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