Alltag ist…schmusen

schnuseb

Stellen wir uns eine Welt vor, in der sämtliche Differenzen einfach knutschend gelöst gewerden. Jeder aufkeimende Streit wird in wilde Keilerei verwandelt. Auseinandersetzungen werden schmusend ausgetragen. Das spart Worte, Fäuste und ist gut für das Immunsystem. Nicht begeistert von der Idee? Lassen wir sie doch nur einmal für die nächsten paar Minuten zu. Danach können Sie sich gerne wieder angewidert abwenden. Oder aber ihren Nachbarn küssen, der heute schon wieder um 6 Uhr in der Früh zu bohren begonnen hat. Für die nächsten Zeilen ersetzen wir also jeglichen Streit mit: schmusen. Mal sehen, was passiert:
Heute ist ein düsterer Tag. Es regnet, der Wind geht und es hat unangenehme 0 Grad. Frau Holle, ich würde dich jetzt gerne küssen. Ich stehe auf und begebe mich hinaus auf den Gang. Der Lift kommt, wie immer, erst nach Minuten bei mir an, weil meine Mitbewohner ober mir unbedingt noch so viel bei aufgehaltener Lifttüre besprechen mussten. Daher schmusen wir gleich eine Runde beim Runterfahren. Dann gehen wir wieder getrennte Wege. Kurze Zeit später am Zebrastreifen machen die Autofahrer natürlich keinerlei Anstalten anzuhalten, also gehe ich einfach mutig drauf los und hoffe auf meine Schutzengel. Doch die sind scheinbar damit beschäftigt mit dem Teufel zu knutschen, denn das herannahende Auto bremst nicht ab. Gerade noch rechtzeitig springe ich zur Seite und der rote Wagen kommt erst einige Meter nach dem Fußgängerübergang zu stehen. Der Fahrer steigt fuchsteufelswild aus und küsst mich. Hinter uns bildet sich ein Stau. Immer mehr Fahrer hupen, steigen aus und küssen sich. Es müssen bereits hunderte sein. Ich marschiere weiter und steige in meine Straßenbahn. Auch hier schmusen bereits viele Fahrgäste. Sie konnten sich nicht einigen, wer wo sitzt. Die Weiterfahrt verzögert sich ein wenig, da der Fahrleiter noch mit dem LKW-Fahrer „beschäftigt“ ist, der seine Spur blockiert. Ein Mann, der es eilig hat, beginnt sofort sich einzumischen und jetzt versuchen die da irgendwie zu dritt zu schmusen. Nicht sehr schön mitanzusehen. Endlich fahren wir los. Aber nicht lange. Kurz vor der Ringstraße müssen alle wieder raus. Viele Menschen tummeln sich hier. Irgendeine Demonstration. Zwei Menschenmassen bewegen sich aufeinander zu. Sie skandieren ihre Parolen, ballen die Fäuste, sie sind zu allem bereit. Schließlich treffen sie aufeinander. Sie reissen ihre Masken herunter und beginnen…zu schmusen. Glatzköpfige Männer mit Frauen mit Rasterlocken. Tätowierte mit Gepiercten, Hassende und Gehasste. Heute sind sie alle vereint. Auf welche Seite werden die Kinder der heutigen Liebschaften stehen? Vielleicht sind sie bald genauso ratlos, wie die herbeieilenden Polizisten, die etwas zu schlichten versuchen, was so niemand erwartet hätte. Sie versuchen sich nun einzumischen, schaffen es aber nicht ihre Zungen aus den Helmen zu befreien. Verschmierte Schutzgläser und taumelnde Uniformierte sind die Folge. Ein sehr kurioses Schauspiel. Der ganze Lärm ruft nun auch die Bundesregierung auf den Plan, die verwundert aus dem Parlament tritt. Sie konnten sich wie immer nicht einigen. Nicht einmal über das Thema der Uneinigkeit. Also fallen sie einer nach dem anderen übereinander her. Der Kanzler mit dem Vize. Der Umweltminister über den Verkehrsminister. Der Finanzminister mit der Bildungsministerin. Die Opposition steht inzwischen Schlange. Sie alle wollen ihre Liebkosungen an die Verantwortungsträger des Landes weitergeben. Und plötzlich erscheinen noch 2 Politiker. Sie sind den ganzen Weg vom Rathaus bis hierher gerannt. Sie etwas schneller als er. Doch ein wenig später kommt auch der Bürgermeister keuchend an. Jetzt küssen sie sich innig. Eine Griechin und ein Wiener turteln auf Französisch. Und das alles vor der spanischen Hofreitschule. Die Menge jubelt. Und ich gehe weiter. Vorbei an vielen Flüchtlingen, die die Gelegenheit nutzen unsere Stadt kennenzulernen. Sie machen munter mit den Aufmarschierten Demonstranten rum, die Schilder halten. „Jetzt ist Schluss“ oder „Genug ist genug“ steht darauf. Aber sie haben alle nicht genug. Sie schmatzen und speicheln weiter vor sich hin. Viele Journalistenteams aus aller Welt sind hier. Die Moderatoren verschiedenster Länder busseln sich vor laufender Kamera ab und sprechen von einem Zeichen, das heute in Wien gesetzt wird. Wien ist wieder einmal anders, und das sei gut so. Ich spaziere noch lange an Szenen wie diesen vorbei und bleibe schließlich vor einem kleinen Theater im 9. Bezirk stehen. 2 junge Männer, Kabarettisten, stehen davor und schmusen. Sie konnten sich nicht einigen, wie ihre neues Programm heißen soll. Ich hätte da eine Idee…
Auf einmal bricht die Sonne durch und der Regen hört auf. Eine Frau namens Holle schaut vom Himmel herab und ich frage sie: Für was das Ganze? Sie antwortet in tiefem steirisch: Es keat afoch vü mehr gschmust! Recht hat sie. (rosa)

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