Alltag ist…nachts in Wien U-Bahn fahren

Ubahn neu

Alltag ist…nachts in Wien U-Bahn fahren. Während U-Bahn fahren unter Tags ja durchaus sehr stressig sein kann, dominiert nachts der Unterhaltungswert. Ist es unter der Woche noch gesellschaftlich akzeptiert und keine Seltenheit mit Bierdose in der Hand seine Reise anzutreten, so ist man am Wochenende ab 21 Uhr nun definitiv schon in der Minderheit, wenn man dies nicht tut. Dazu kommen Vodkaflaschen, die sich je nach Manöver des Zuges auf dich zu und wieder von dir wegbewegen. Wenn noch etwas drinnen ist, trinken diejenigen die Durst haben und lassen die Flasche dann wieder weiterrollen. Vielleicht will ja noch jemand. Die Flasche ist allerdings meistens ohnehin schon leer. Wenn sie bei mir ankommt, denn ich sitze meistens ganz hinten, weil ich von da einen schönen Panoramablick auf das Geschehen im ganzen Abteil habe.
Es ist Samstag, 00:02 Uhr. Stoßzeit in der Wiener Nacht U-Bahn. Woher die ganzen Menschen kommen und wohin sie alle wollen ist aber nicht immer klar. Gut, die ganzen jungen Damen, die selbst wenn sie zusammenlegen würden wohl keine ganze Garderobe zustande brächten, wollen in diverse Clubs, um dort genau für diese Knappheit an Textilien gelobt und geliebt zu werden. Die jungen Männer haben etwas mehr an. Sie sehen alle gleich aus. Sie haben alle denselben Undercut und dieselbe schöne blonde Föhnwelle. Ihre Hemden sind bis zum Bauchnabel aufgeknöpft und ihre schlanken Lederschuhe glänzen. Ach ja, und ganz wichtig dürfte so ein Gürtel sein, der sich nur über seine Schnalle definiert. Denn die Hose hängt trotzdem ziemlich weit unten. Kein Wunder, wenn die Schnalle alleine schon 100kg hat. Aber das Wort KING in sanften Lettern zu schreiben, wäre wohl eine Themenverfehlung. Nun gut, sieht man von dieser Sorte Menschen mal ab, und wendet sich der nächsten Sitzgruppe zu ist man zunächst ein wenig verwundert. Denn auch ein älteres Ehepaar in vornehmer Kleidung sitzt unter den Fahrgästen. Sie kommen aus der Oper oder dem Theater. Ihr Interesse gilt beidseitig den jungen Damen, die an ihren kurzen Röcken zupfen und schmollend in ihre Smartphone Kameras schauen. Lediglich ihr Blick verrät, dass das Interesse wohl unterschiedlicher Natur ist. Die Frau hat einen entsetzten angewiderten Gesichtsausdruck. Die Männer strahlen meistens. Goldzähne blitzen. Zungen hängen. Dann beginnen sie zu sprechen: Schatzi? Die Gattin antwortet: „Jaa Kurti?“ „I hob ned mit dir gredt!“ Ärger bei der alten Dame. Gelächter bei den Jungen. Und bei mir.
Die Wiener Nacht U-Bahn… Es röche ja nach Bier, würde der Grasgeruch diesen nicht überflügeln. Und ich habe auch nichts dagegen. Ganz im Gegenteil. Es passt zur Stimmung in der Nacht U-Bahn. Entspannt und ein wenig rebellisch. Die jungen Damen steigen aus, die jungen Männer mit den Föhnwellen nicken sich zu und folgen. Kurti schaut den Geistern seiner Jugend noch einmal nach und ergreift dann die Hand seiner Gattin. Er ist froh kein Jäger schneller Bekanntschaften mehr zu sein. Er sammelt lieber Momente mit seiner Frau. Momente wie diesem im Wiener Nachtzug nach Floridsdorf. Er nimmt noch einen Zug von seinem Joint und lässt ihn dann in die leere Bierdose seiner Frau fallen. Wien ist anders. Besonders bei Nacht.
(rosa)

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